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Celle Stadt Celler Ex-Dechant Spicker wegen Missbrauchs abberufen
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Celler Ex-Dechant Spicker wegen Missbrauchs abberufen
10:50 13.06.2010
Von Michael Ende
Celle Stadt

„Du wirst bestimmt kein guter Priester“, habe sein jüngster Bruder noch kurz vor seiner Priesterweihe zu ihm gesagt, witzelte Hermann Spicker, als er Ende November 2009 „aus gesundheitlichen Gründen“ sein Amt als katholischer Pfarrer in Rhumspringe im Eichsfeld niederlegte. Offiziell aus „gesundheitlichen Gründen“ hatte Spicker bereits im März 2007 praktisch über Nacht Celle, wo er als Dechant wirkte, verlassen. Seitdem hielten sich hartnäckig Gerüchte über sexuelle Übergriffe Spickers auf Kinder. Noch vor zwei Jahren wurden diese vom Bistum Hildesheim auf CZ-Nachfrage als bösartig und aus der Luft gegriffen abgetan. Gestern teilte das Bistum mit, dass Spickers Bruder seinerzeit leider Recht hatte: Der Mann war kein guter Priester. Er hat sich an Kindern vergangen.

„Der ehemalige Celler Dechant Hermann S. war vor 15 Jahren aufgrund eines einmaligen sexuellen Übergriffes an einem unter vierzehn Jahre alten Jugendlichen außerhalb des Bistums Hildesheim schuldig geworden. 2003 ist dieser Fall dem Bistum Hildesheim bekannt geworden“, hieß es seitens des Bistums. Die Familie des Opfers hätte das Bistum ausdrücklich „um Verschwiegenheit gebeten und eine strafrechtliche Verfolgung abgelehnt“. Spicker habe sich daraufhin einer Therapie unterzogen: „Ein unabhängiges forensisch psychiatrisches Gutachten hatte einen Einsatz mit Auflagen in der Seelsorge explizit befürwortet.“

2007 sei der damalige Celler Dechant Spicker von Unbekannten bei der Staatsanwaltschaft angezeigt worden, hieß es weiter: „In dem anschließenden Verfahren wurde er 2009 zu einer Bewährungsstrafe verurteilt und vom Bistum in den Ruhestand versetzt. In den Pfarreien, in denen Pfarrer S. seit dem Missbrauch im Jahr 1995 tätig war, sind keine weiteren Missbrauchsfälle bekannt.“

„Wir haben in den vergangenen Jahren im Vertrauen auf forensische Gutachter diesen Einsatz des Priesters nach dem einmaligen Missbrauchsfall ermöglicht“, bestätigte der zuständige Domkapitular Heinz-Günter Bongartz. „Wir wissen inzwischen besser, dass solche Gutachten uns keine sichere Gewähr für einen verantwortbaren Einsatz der Priester geben.“

Der CZ liegen Briefe Celler Katholiken an Bischof Norbert Trelle vor, in dem sie 2006 auf Spickers pädophile Neigungen hingewiesen haben. Damals zog die Kirche eine Mauer des Schweigens um das heikle Thema. Spicker tauchte kurz darauf lediglich in Celle unter und in Rhumspringe wieder auf. Das sei „nichts Ungewöhnliches“, hieß es dazu seitens des Bistums.

Erst vor einem Monat hatte das Bistum eingeräumt, dass der ehemalige Celler Dechant Herbert Höbbel, der in den 50er Jahren bis Ende der 70er Jahre in Celle arbeitete, ebenfalls sexuelle Übergriffe auf Kinder begangen haben soll. Im Mai 2008 gab sich Celles heutiger Dechant Andreas Tenerowicz weit weniger offen, als es sein Bistum heute tut. Auf den Fall Spicker angesprochen, sagte Tenerowicz damals: „Die Vergangenheit muss ruhen.“

Kommentar

Abgründig

Fast jeden Tag eine neue Enthüllung über Priester, die sich an Kindern vergangen haben – die neue „Offenheit“ der katholischen Kirche sorgt nicht nur für Gesprächsstoff. Sie macht vor allem eins: sprachlos. Denn kaum jemand mag sich vorstellen, welche Abgründe sich noch auftun mögen – hinter der sorgfältig aufgeschichteten Mauer des Schweigens, die die Kirche um schlimmste Verbrechen in ihrem „Schoß“ errichtet hat.

Als die CZ vor Jahren im Fall Spicker recherchierte, stieß sie genau an die Grenze, an der die Kirche felsenfest festhielt. Katholiken berichteten von pädophilem Missbrauch – wollten aber auf keinen Fall mit ihrem Namen für die Wahrheit einstehen. Das Bistum Hildesheim schwieg eisern – und das, obwohl man dort schon spätestens seit 2003 wusste, dass Celles Dechant sich wie schon einer seiner Vorgänger an Kindern verging. Massiv wurden Zeugen unter Druck gesetzt, damit das öffentliche Schweigen gewahrt bliebe.

So ist es auch zu verstehen, dass Eltern eines missbrauchten Jungen angeblich darum „baten“, dass das Verbrechen an ihrem Kind nicht strafrechtlich verfolgt werde. Würden normale Eltern darum bitten, dass Verbrechen an ihren Kindern ungesühnt bleiben? Was tat die Kirche? Sie nahm diese Einladung zum Schweigen an. Das war falsch: Wer von Straftaten weiß, muss dafür sorgen, dass die Täter vor Gericht landen – und zwar einem ordentlichen weltlichen Gericht.

Geradezu ungeheuerlich ist der Umstand, dass die katholische Kirche sich anmaßt, in einer mittelalterlich anmutenden Art von klerikaler Selbstjustiz Straftaten zu „ahnden“, indem man den Täter für eine Weile untertauchen lässt und dann an anderem Ort erneut die Gelegenheit bietet, sich an Kindern zu vergreifen. Wer so handelt oder auch nur ansatzweise versucht, solches Vorgehen zu verteidigen, der sorgt dafür, dass die Reputation der katholischen Kirche ins Bodenlose sinkt.

Wie ist es zu verstehen, wenn der Papst seinen Gläubigen in Bezug auf sexuelle Missbrauchsfälle zuruft: „Prüfen wir, ob wir den moralischen Maßstäben, die wir an andere anlegen, auch selbst gerecht werden!“? Was soll das heißen? Etwa, dass es jedem „mal passieren“ kann, Kinderschänder zu werden? Doch wohl hoffentlich nicht.

In großer Unsicherheit müssten jetzt auch alle katholischen Gemeinden schweben: Wissen sie eigentlich wirklich, aus welchem Grund ihr alter Pfarrer abgelöst wurde – und woher der neue kam? Und warum? Michael Ende