Baubranche boomt

Celler Bauherren erwarten unruhige Zeiten

Die Celler Baubranche boomt – entsprechend wachsen etliche Neubaugebiete. Doch bei der Baufinanzierung braucht man derzeit starke Nerven. Das sagen Fachleute.

  • Von Benjamin Behrens
  • 27. Okt. 2021 | 19:13 Uhr
  • 14. Juni 2022
  • Von Benjamin Behrens
  • 27. Okt. 2021 | 19:13 Uhr
  • 14. Juni 2022
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Celle.

"Blühende Landschaften" versprach Altbundeskanzler Helmut Kohl 1990 und meinte damit die neuen Bundesländer. Das geflügelte Wort könnte im Jahr 2021 auch gut zum Landkreis Celle passen – angesichts seiner zahlreichen wachsenden Baugebiete. Doch auf wie sicherem Fundament stehen die Projekte der Häuslebauer?

Baugebiete boomen in Celle

In Groß Hehlen soll die Baulandoffensive von Oberbürgermeister Jörg Nigge das stark nachgefragte Baugebiet "Im Tale" um 24 Hektar erweitern. In Winsen könnte die Marke von 14.000 Einwohnern geknackt werden, das Südwinser Neubaugebiet "An der Trift" steht sogar erst in den Startlöchern . Nur einige Beispiele für den Celler Bau-Boom.

Damit aus dem Traum vom Eigenheim kein Luftschloss wird, müssen Bauherren, Materiallieferanten und Baufirmen sicher kalkulieren und planen können. Doch zuletzt kämpften viele Unternehmen mit Lieferengpässen. Die Engpässe "legen den kleinen und mittleren Unternehmen enorme Steine auf ihren Weg aus der Coronakrise", so Fritzi Köhler-Geib, Chefvolkswirtin der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Das treibt die Kosten in die Höhe. Am häufigsten kommt es einer Umfrage der KfW zufolge zu Preiserhöhungen in der Baubranche (61 Prozent).

Gute Auftragslage für Celler Baufirmen

Legt die Situation auch Celler Baufirmen Steine in den Weg? Wilhelm Götting, Obermeister der Baugewerke-Innung Celle, betont, dass man aktuell Weitsicht brauche bei Finanzierung und Material. "Es geht einigermaßen. Man muss ein bisschen langfristiger planen, das bekommt man aber auch in den Griff. Man bekommt ja nicht heute den Auftrag und fängt morgen an", so der Bauunternehmer. "Die Auftragslage ist nach wie vor gut, ich höre auch von meinen Kollegen keine Klagen", berichtet Götting.

So entwickeln sich die Immobilienpreise

Einen Unterschied zwischen Privathäusern und Industriegebäuden würde es nicht geben. "Es wird alles gebaut. Nur wenn man den Immobilienmarkt anschaut, der ist weitab von gut und böse. Da werden Preise verlangt, wo man sagt, das geht ins Utopische. Wir sind nicht in Hamburg, sondern in Celle – aber der Markt für gebrauchte Immobilien gibt das her", sagt der Bauunternehmer. "Ich habe neulich ein Angebot gesehen für ein über 20 Jahre altes Haus, da habe ich gedacht: 'Für das Geld stelle ich da einen Neubau hin'", sagt Götting über eine Offerte für ein Einfamilienhaus in Celle, das mit 890.000 Euro veranschlagt war.

Baufinanzierung nicht mehr festkalkuliert

Apropos Baufinanzierung: Mittlerweile lasse sich kaum ein Bauträger noch auf Festpreise ein. "Wir können die Preise nicht mehr halten. Heute schreiben wir gleich in unsere Angebote, dass wir eine Preisgleitklausel haben. Wenn ich zum Beispiel an Bauholz denke: Da lagen wir unter 400 Euro beim Kubikmeter. Zwischendurch waren wir bei 1300 Euro. Wenn Sie mit 400 kalkuliert haben, geht das voll nach hinten los", rechnet Götting vor. Die Preisgleitklausel dient als Wertsicherungsklausel in den Zahlungsbedingungen. "Das heißt: Wenn sich die Preise der Materialien erhöhen, dann erhöhen wir dementsprechend nicht unsere Stundenlöhne, aber die Materialkosten", erläutert der Fachmann. "Im Moment mache ich in Angeboten auch nur noch Kostenschätzungen. Früher hatte man Erhöhungen bis Anfang des Jahres, dann konnte man kalkulieren. Das hat man heute nicht mehr."

Dass Bauherren ihre ursprüngliche Baufinanzierung ganz aufgeben müssten, habe er selbst noch nicht erlebt. "Ich kann es mir aber gut vorstellen. Wenn man sich überlegt, dass eine junge Familie mit Ach und Krach eine Finanzierung hinbekommen mit ihrer Bank, und dann kommt ein Bauträger und sagt: 'Wir brauchen 30.000 Euro mehr', dann wird das schon verdammt eng."

Baumaterial weiterhin mit langer Lieferzeit

Entspannung dürfte es zumindest bei den Baumaterialien kaum geben. "Es gibt nach wie vor Lieferengpässe. Sämtliche Waren sind mit einiger Vorlaufzeit versehen", sagt ein Vertriebsmitarbeiter bei Baumaterialienvertrieb Gustav Wulff GmbH aus Celle. Wer sich den Baubeginn aussuchen könne, vertage lieber – in der Hoffnung auf bessere Preise. "Wobei das aktuell nicht abzusehen ist. Bei sämtlichen Waren, die mit hohem Energieaufwand produziert werden, steigen die Preise im kommenden Jahr im zweistelligen Prozentbereich", prognostiziert der Vertriebler. Dazu zählten etwa gebrannte Dachziegel – auf die wohl kaum ein Hausbauer verzichtet.