Tempo 30

Celles rot-orange-schwarz-blaue Grauzone

Bunte Verkehrsschild-Imitate auf Plakaten sorgen in Altencelle für Irritationen - bei denen, die sich davon irritieren lassen wollen.

  • Von Michael Ende
  • 10. Jan. 2022 | 18:00 Uhr
  • 12. Juni 2022
Ist das etwa ein echtes Verkehrsschild? Das dürfte nur eine Maschine so sehen.
  • Von Michael Ende
  • 10. Jan. 2022 | 18:00 Uhr
  • 12. Juni 2022
Anzeige
Altencelle.

"Pieeeep! Langsamer fahren – hier gilt Tempo 30!" Diese Anzeige in seinem Auto, die immer dann ertönt, wenn er mit Tempo 50 auf der Alten Dorfstraße durch Altencelle fährt, nervt Gert Altmann (Name geändert) gehörig. Denn in dem Bereich am östlichen Ortseingang dürfte er eigentlich Tempo 50 fahren. Doch sein intelligentes Fahrzeug mit der Verkehrsschilder-Erkennung lässt sich von Schildern blenden, die Anwohner auf Plakate gedruckt haben und die nur so ähnlich aussehen wie echte Tempo-30-Schilder. Altmann ist sauer: "Diese Leute müsste man anzeigen."

Nur Maschinen lassen sich täuschen

Ansatzweise versucht hat das Altmann bereits: "Ich habe bei der Stadt Celle angerufen und gesagt, dass das doch ein Eingriff in den Straßenverkehr sei. Aber dort hat man mir erzählt, dass das nicht so sei und dass dort sowieso irgendwann Tempo 30 kommen solle." Altmann fühlt sich veräppelt: "Wer solche Plakate aufstellt, täuscht die Autofahrer." Genauer gesagt: deren Autos mit dem Computer-IQ, der sich anders als die Fahrer selbst täuschen lässt. Altmann: "Ich hatte das natürlich sofort erkannt, dass das keine echten Schilder sind."

Rechtliche Grenzen

In der Tat darf man nicht auf eigene Faust einfach Verkehrsschilder in die Gegend stellen. Das ist in Paragraf 33 der Straßenverkehrsordnung geregelt. Dort heißt es: "Einrichtungen, die Zeichen oder Verkehrseinrichtungen gleichen, mit ihnen verwechselt werden können oder deren Wirkung beeinträchtigen können, dürfen dort nicht angebracht oder sonst verwendet werden, wo sie sich auf den Verkehr auswirken können. Werbung und Propaganda in Verbindung mit Verkehrszeichen und Verkehrseinrichtungen sind unzulässig."

In Grauzonen geht es manchmal bunt zu

Und daran habe man sich auch gehalten, sagt Wolfgang Lohmann, einer der Anwohner, die zusammen mit der Bürgerinitiative „Ostumgehung Celle – jetzt!“ fordert, dass die Stadt Celle auf der Alten Dorfstraße durchgehend Tempo 30 einführt. Um auf dieses Anliegen hinzuweisen, hatten Lohmann und andere schon im Juli 2021 Plakate mit originalen Tempo-30-Schildern als Bildelement aufgehängt. "Da bekamen wir aber umgehend den freundlichen Hinweis von der Stadtverwaltung, dass man dies nicht dürfe", so Lohmann, der bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 2018 Inspekteur der Bereitschaftspolizeien der Länder im Bundesinnenministerium war: "Also haben wir sofort die Farben geändert. Aus dem roten Rand wurde ein oranger Rand und aus der schwarzen Schrift wurden blaue Ziffern. Und das hat dann keine Behörde mehr bemängelt. Ein Mitarbeiter der Stadt hat sich das angesehen und für okay befunden. Also gehen wir davon aus, dass das rechtskonform ist." In Grauzonen geht es manchmal also auch ziemlich bunt zu.

Schlimmstenfalls fährt man langsamer

Unbekannte hätten seitdem auch schon Plakate beschmiert, so Lohmann: "Einer hat aus der 30 eine 300 gemacht – aber das gilt ebenso wenig wie unsere 30." Die BI habe bei der Stadtverwaltung im September beantragt, die gesamte Alte Dorfstraße, auf der ja bereits im Bereich der Lebenshilfe Tempo 30 gelte, die Geschwindigkeit zu reduzieren: "Gehört haben wir seitdem dazu aus dem Rathaus nichts." Unterdessen ärgern sich Autofahrer wie Gert Altmann über eine Geschwindigkeitsbegrenzung, die es gar nicht gibt. "Noch nicht gibt", betont Lohmann, der das Ganze relativiert: Durch die Raserei hier sind Menschenleben in Gefahr. Der einzige Schaden, den unser Plakat anrichten kann, ist, dass jemand langsamer fährt, als er eigentlich dürfte." Das könne man übrigens auch einfach so tun – freiwillig, aus Rücksicht: "Uns Altenceller würde das freuen."