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Celle Stadt Bewusstseinswandel vor allem bei privaten Bauherren
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Bewusstseinswandel vor allem bei privaten Bauherren
12:48 13.06.2010
Lehmbau: Die Rohmasse wird auf die Wand aufgebracht. Eine Holzschaalung hält den Lehm am Platz, bis er trocken ist.
Lehmbau: Die Rohmasse wird auf die Wand aufgebracht. Eine Holzschaalung hält den Lehm am Platz, bis er trocken ist. Quelle: Haacke
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Es ist schon ein bisschen paradox: Für Joghurtbecher oder Plastikfolie hat jeder eine Recyclingtonne hinter dem Haus; das Haus selbst oder seine Anbauten, deren Bau mal Zehntausende oder Hunderttausende von Euro gekostet hat, ist bei einem Abriss oft nur teilweise wiederverwertbar.

Viele teure Baustoffe oder Bauteile sind Sondermüll, so zum Beispiel die Dämmung oder behandelte Holzteile wie Fensterrahmen oder Teile des Dachstuhls. Pro Jahr fallen allein in Deutschland etwa zehn Millionen Kubikmeter alte Mineralwolle an, die nicht mehr verwendet werden können, so die Deutsche Bundesstiftung Umwelt aus Osnabrück.

Früher habe es eben kaum Alternativen zu dem Industriematerial gegeben, sagt Architekt Dirk Sonemann aus Celle. Heute sei das anders. Sonemann plant und baut seit zwanzig Jahren mit ökologischen Baumaterialien Häuser. Seiner Einschätzung nach hat vor allem die Debatte um die damals asbesthaltige Dämmung und mögliche Gesundheitsschäden bei vielen einen Bewusstseinswandel angestoßen. Vor allem private Bauherren ließen heute ökologisch bauen. „Im Vergleich zu 1999, habe ich heute etwa 50 Prozent mehr Anfragen nach ökologischen Häusern oder Bauten als früher.“

Durch die gestiegene Nachfrage beziehungsweise die damit verbundene erhöhte Stückzahl sind inzwischen manche Naturbaustoffe auch preislich konkurrenzfähig. Dämm- und Isoliermaterial zum Beispiel aus Zellulose enthält Papier- und Holzreste; im Schnitt koste der Quadratmeter zwölf Euro inklusive Montage, sagt Sonemann. „Der Quadratmeter industrielle Mineralwolle kostet zwischen zehn und vierzehn Euro, ebenfalls inklusive Montage. Beide Arten liegen nahezu gleich.“

Auch Hanf oder Flachs wird heute zu Dämmstoffen verarbeitet. Sie sind in der Regel im Vergleich zu konventionellem Material noch teurer. Dafür seien aber die Eigenschaften besser, sagt Sonemann. Im Sommer isoliere Naturmaterial besser gegen Hitze, zudem nehme es mehr Feuchtigkeit aus den Innenräumen auf und verbessere so das Raumklima.

Auch alte Fenster und Teile des Dachstuhls müssen auf den Sondermüll, sofern sie mit Farbe oder Holzschutzlösung behandelt sind. Künftig könne aber zumindest beim Dachstuhl auf eine chemische Behandlung verzichtet werden, sagt Eckhard Klopp, Architekt bei der Agentur für nachwachsende Rohstoffe in Gülzow.

Früher habe man die Hölzer in der Regel zeitnah nach dem Einschlagen weiterverarbeitet. Hauseigentümer mussten dann mit chemischen Mitteln einem etwaigen Insektenbefall vorbeugen, weil das Holz noch zuviel Feuchtigkeit enthielt. Heute lagere man das sogenannte Konstruktionsvollholz aber länger, so dass die Nässe entweichen könne, so Klopp.

Muss also künftig ein Dachstuhl mal erneuert werden oder wird das Haus irgendwann abgerissen, dann können die Hölzer nochmal verwendet werden – und sei es nur als Kaminholz. Auf dem Dach ist hingegen schon länger üblich, Dachpfannen oder Ziegel nicht einfach wegzuwerfen, wenn sie ausgetauscht werden müssen. „Das alte Material wird in der Regel gesammelt und dann weiterverarbeitet“, sagt Marc Oliver Stark von Starke Dächer in Eicklingen. Zum Beispiel zu feinem Streusand für Tennisplätze oder zu Blumensubstrat für Dachgärten. Dachpappe und Bitumen seien aber nach wie vor Einwegprodukte, so der Dachdeckermeister. Sie müssen auf die Deponie, selbst in die Müllverbrennungsanlage darf das Material nicht mehr gebracht werden.

Das Bundesbauministerium hat eine Datenbank erstellt zur Energiebilanz gängiger Baustoffe www.nachhaltigesbauen.de/

baustoff-und-gebaeudedaten.html

Nachgefragt bei Alexander Range:

Lehm trägt durch seine Feuchtigkeitsaufnahme zu einem guten Raumklima bei. Haacke Bau bietet schon seit längerem einen patientierten sogenannten Wärmedämmlehm an. CZ-Mitarbeiter Holger Dirks sprach darüber mit Diplom-Ingenieur Alexander Range von Haacke.

Lehm ist per se ein guter Dämmstoff, sagt man, warum heißt er bei Haacke Wärmedämmlehm?

Weil es nicht stimmt, was man immer hört. Lehm dämmt mitnichten besonders gut. Erst wenn weitere Bestandteile hinzukommen, bessern sich seine Dämm-Eigenschaften. Unser Wärmedämmlehm besteht daher nicht aus normalem Lehm, sondern aus einem speziellen Ton und poröser Kieselgur, das sind fossile Kieselalgen. Dadurch bekommt unser Lehm ein saugendes Gefüge und die Dämmfähigkeit steigt.

Es gibt den Wärmedämmlehm als Rohmasse oder getrocknet als Platte. Ist das Material getrocknet nicht zu schwierig zu verarbeitet? Es bröckelt womöglich unten den Händen weg.

Die Platten sind absolut stabil. Sie bestehen aus Korkgranulat, das mit Dämmlehm ummantelt wird. Der Lehm funktioniert dabei wie ein Kleber; denn die weiche Lehmmasse haftet besonders gut auf dem grobporigen Kork. Dadurch kann später auch nichts abbröckeln.

Naturbaustoffe sind in der Regel teurer als konventionelle Baustoffe, dafür leisten sie auch mehr. Gilt das auch für den Wärmedämmlehm?

Ja. Im Vergleich mit kalk- oder zementhaltigen Putzen ist Lehm ein sogenannter kapillar-aktiver Baustoff. Das heißt, er kann besonders gut Feuchtigkeit aufnehmen und transportieren. Zum Beispiel Kondensat aus dem Innenraum. In der Regel entsteht bei einer Innendämmung zwischen 200 und 400 Gramm Tauwasser pro Quadratmeter und Heizperiode. Unser Wärmedämmlehm sorgt dafür, dass diese Feuchtigkeit abgeführt wird und es nicht schimmelt.

Von Holger Dirks