Artenvielfalt im Sand

Die Wüste lebt

Darum sind von Menschen gemachte Sandflächen nicht gleich eine ökologische Katastrophe: Sie bieten Chancen für vielfältiges Leben.

  • Von Michael Ende
  • 26. Sept. 2020 | 08:00 Uhr
  • 14. Juni 2022
  • Von Michael Ende
  • 26. Sept. 2020 | 08:00 Uhr
  • 14. Juni 2022
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Celle.

Blanker Sand liegt dort, wo im Wald zwischen Altencelle und Lachtehausen eine erste Schneise für den Bau der B3-Ostungehung geschlagen wurde. Eine ökologische Katastrophe? Nein: Was von weitem wie eine hässliche Narbe im monotonen Kiefernforst wirkt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als wertvolle Nische für Insekten und Pionierpflanzen. Die Wüste lebt.

Der Wildbienen-Experte Otto Boecking vom Celler Institut für Bienenkunde erläutert bei einem Streifzug durch die Sandlandschaft, warum sogenannte Ruderalflächen wie diese ein Segen für bedrohte Arten sein können.

Schutt als Basis für Neues

„Ruderal“ leitet sich vom lateinischen Wort „ruderis“ ab, das „Schutt“ bedeutet. Doch dieser „Schutt“ sei die Basis für Neues, erläutert Boecking: „Eine Vielzahl natürlicher Lebensräume bleibt in ihrer Gestalt und Zusammensetzung ihrer Flora und Fauna solange relativ konstant, bis sich das Ökosystem durch einen externen, womöglich extrem zerstörerischen Faktor verändert.

Das ist beispielsweise der Fall, wenn ein Waldbrand ganze Wälder zerstört.“ Das sehe dann auf den ersten Blick für den Betrachter eher dramatisch aus. „Diese Prozesse sind aber im Laufe der Erdgeschichte schon immer prägend und letztlich schon immer gestalterisch gewesen und somit sogar sehr wertvoll.“

Brachiale Veränderungen

Natürliche Prozesse wie das Mäandern von Bächen und Flüssen mit Abbruchkanten und Sandbänken, aber extreme Veränderungen wie das Feuer, sorgten im Anschluss daran für eine Neubesiedelung, da es im Pflanzen- und Tierreich viele Arten gebe, die genau daran angepasst seien, so Boecking: „Das gilt übrigens auch für Lebensräume, die eher brachialen Veränderungen durch den Menschen unterliegen und ist beispielhaft für militärisch genutzte Gebiete. Dort wird stets Lebensraum zerstört, gleichzeitig aber neuer geschaffen.“ Nach solchen abrupten natürlichen sowie durch den Menschen verursachten Veränderungen „reiften“ die Ökosysteme neu heran.

Raum für Pionierarten

Man sagt auch: Ökosysteme unterliegen der „Sukzession“. „Die Primärsukzession und Neubesiedlung folgt relativ zügig der Störung oder Zerstörung“, sagt Boecking während er auf der Sandfläche im Waldgebiet Finkenherd mit dem Kescher auf Insektenjagd geht. Hier wird er schnell fündig: „Unter den Pionierarten sind auch etliche Wildbienen und Grabwespen beteiligt, die dann ideale Nistmöglichkeiten vorfinden. Alsbald stellen sich an den neu geschaffenen Lebensräumen auch Pflanzen ein und mit den Jahren ändert sich stetig dort die Faunen- und Pflanzengesellschaft. Diese natürlichen Prozesse werden aber durch uns Menschen vielfach heute leider unterbunden.“

Paradebeispiel Heideflächen

Darüber hinaus gebe es Lebensräume, die ganz wesentlich nur durch den Menschen entstanden sind, so der Experte: „Ein schönes Beispiel dafür sind die Heideflächen der Lüneburger Heide. Das sind Kulturbiotope, die durch die spezifische Nutzung und teilweise Übernutzung entstanden sind. Ihre größte Bedrohung besteht nun darin, dass sie heute eben nicht mehr so genutzt werden, wie es eigentlich sein müsste.“

Extremstandorte werden benötigt

Sandige Böden seien ganz besondere Extremstandorte, weiß Boecking. Dort entwickelten sich mit der Zeit Sandrasengesellschaften, und Pionierarten wie Grabwespen und Wildbienen nutzen sie schnell als Nistplätze. Meist seien Gräser und Kräuter die Erstbesiedler: „Diese Extremstandorte weisen aufgrund ihrer extremen Temperaturschwankungen und hohen Verdunstungsraten während der Sommermonate, sowie ihrer Nährstoffarmut dennoch nach einigen Jahren ein reiches Arteninventar auf.“

Es handele sich meist um wärme- und trockenliebende Pflanzen- und Tierarten: „Charakterpflanzen sind beispielsweise das Silbergras, die Blaugraue Kammschmiele und auf sauren Standorten die Besenheide.“ So erfolgreich die Pflanzen auf diesen Extremstandorte gediehen, so wenige Chancen hätten sie auf normalen Böden: „Dort würden sie nämlich der Konkurrenz schnellwüchsiger anderer Arten unterliegen.“

Finkenherd im Wandel

Zu den zahlreichen Tieren, die sich auf sandige Pionierstandorte spezialisiert haben, gehören Grabwespen wie der Bienenwolf, Wildbienen wie verschiedene Sand-, Seidenbienen und die Hosenbiene, aber auch Käfer wie die Sandlaufkäfer. Wer sich Zeit nimmt und genau hinschaut, kann diesen Arten auch in der jüngsten Mini-Wüste im Finkenherd auf die Spur kommen – zumindest bis die neue Schnellstraße gebaut wird, die Teile von ihr unter Asphalt begraben wird. Doch auch danach wird man im Finkenherd immer noch Ruderal- und Heideflächen finden, auf denen sich mit menschlicher Hilfe vielfältiges Leben entwickelt.