Letzter Prozesstag

Urteil im Fall Arkan K. ist gefallen

Die tödliche Messerattacke gegen den 15-jährigen Arkan K. erschütterte ganz Celle. Nun wurde der Täter vor dem Landgericht Lüneburg verurteilt.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 23. Okt. 2020 | 06:49 Uhr
  • 14. Juni 2022
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  • 23. Okt. 2020 | 06:49 Uhr
  • 14. Juni 2022
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Celle.

„Ich möchte mich entschuldigen, es war nicht meine Absicht, einen Menschen zu töten“, sagte der 30 Jahre alte Angeklagte Daniel S. zum Abschluss des Verfahrens. Dennoch musste er sich für den Tod von Arkan K. vor Gericht verantworten. Nach der tödlichen Messerattacke auf den 15 Jahre alten Schüler am 7. April an der Celler Bahnhofstraße muss der Täter Daniel S. wegen Totschlags dauerhaft in ein psychiatrisches Krankenhaus. So lautet das Urteil des Landgerichts Lüneburg am Mittwoch.

Marihuana-Konsum sei Triebfeder für Tat gewesen

Der Staatsanwalt führte in seinem Plädoyer aus, dass S. in den Wochen vor dem tödlichen Angriff viel Marihuana konsumierte. „Es entwickelte sich eine Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis.“ Dieser Cocktail sei als Triebfeder für das Verbrechen auszumachen. Daniel S. sei wegen Totschlags zu verurteilen. Eine Schuldfähigkeit sei nicht gegeben, S. müsse dauerhaft in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht werden. „Der Beschuldigte ist für die Allgemeinheit gefährlich“, betonte der Staatsanwalt.

Arkans Familie forderte Verurteilung wegen Mordes

Die Anwälte der Familie des getöteten Jugendlichen forderten eine Verurteilung wegen Mordes. Die Mutter von Arkan K. ergriff stellvertretend für die Familie das Wort: „Mein Sohn wurde ermordet, weil er Ausländer ist. Der das gemacht hat, sitzt da ganz ruhig. Für uns ist er ein Kämpfer des Islamischen Staates. Ich bete bei Gott für Gerechtigkeit.“ Der Vorsitzende Richter Franz Kompisch wandte sich an die Angehörigen des getöteten Jungen: „Wir sprechen Gerechtigkeit. Wir sprechen keine Rache.“

Polizistin erinnert sich an Tötungsdelikt in Celle

Die Leiterin der Mordkommission der Celler Polizei erinnerte sich vor Gericht an viele Details. Demnach rief am Abend des 7. April ein Kollege sie abends auf dem Handy an und berichtete von einem Tötungsdelikt. Schnell machte sich die 56-Jährige auf den Weg in die Jägerstraße und teilte Teams ein – eines für die Spurensicherung, das andere übernahm die Betreuung der Angehörigen des getöteten Jugendlichen.

Staatsschutz ermittelte nach Tat

Hinter den Kulissen ging es weiter. Schon Stunden nach der Messerattacke auf Arkan K. nahmen Fahnder des „FK4“ ihre Arbeit auf. Hinter der sperrigen Abkürzung verbirgt sich der Staatsschutz, der bei Delikten mit politischem Hintergrund ermittelt. Die Ermittler legten den Fokus auf das Internet. Der Angeklagte besitzt eine Vielzahl von Kontakten, über mehrere Messenger-Dienste verteilt. 700 insgesamt, die aus dem gesamten Bundesgebiet und europäischen Nachbarländern stammen. Mit gewaltbereiten Rechtsextremen hatte keine der Personen etwas zu tun.

Verfassungsschutz kramte in Vergangenheit des Täters

Die Celler Polizei wandte sich an den niedersächsischen Verfassungsschutz. Die Agenten in Hannover führten über Daniel S. keine Akten, „noch gab es sonstige Erkenntnisse“. Um einen terroristischen Hintergrund auszuschließen, kramte die Mordkommission nun tief in der Vergangenheit des Angeklagten. Die Ordnungshüter drehten jeden Stein um, von dem sie sich etwas versprachen. Die Ermittlungen reichten fast zwei Jahrzehnte zurück. Der Klassenlehrer beschrieb seinen ehemaligen Schüler als aggressiv, „der sich stets über Schwächere erhob“. Der damals beste Freund nannte S. „impulsiv“.

Irgendwann verlangte die Staatsanwaltschaft den Abschlussbericht der Polizei. „Wir sahen keinen Zusammenhang eines politisch-motiviertem Verbrechens“, sagte die Leiterin der Mordkommission. Hinweise, dass Täter und Opfer sich doch kannten, habe es nicht gegeben.

Anwälte glauben psychiatrisches Gutachten nicht

Die Rechtsanwälte der Familie von Arkan K. stimmte das nicht zufrieden. Sie gingen mit der Arbeit der Polizei hart ins Gericht. Die Punkte, die Fragen aufwerfen, sind durchaus brisant: Warum funktionierte die eingesetzte Bodycam eines Beamten, der sich am Tatort aufhielt, nur wenige Sekunden? Das ist bis heute unbekannt. An Bedienungsfehler oder einen technischen Defekt, den die Ermittlungsleiterin als Entschuldigung vortrug, glauben die Anwälte nicht.

Wo sind Handy und Laptop des Angeklagten? Wer schaffte die Geräte beiseite? „Das sind keine Zufälle“, kritisierte Rechtsanwalt Necdal Dizzli. Er sprach zwar nicht direkt von Vertuschung, jeder im Saal verstand aber, dass es darum ging. Anschließend arbeitete sich der Jurist an dem psychiatrischen Gutachten ab, das dem Angeklagten eine verminderte Schuldfähigkeit bescheinigte. Daran glauben die Anwälte ebenso wenig. „Daniel S. ist ein guter Schauspieler.“

Von Benjamin Reimers

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