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Antisemitismus im Fußball: Das empfiehlt Gedenkstätte Bergen-Belsen dagegen

12:00 31.03.2021
Von Jürgen Poestges
Die Gedenkstätte Bergen-Belsen und der Jüdische Weltkongress legen einen Leitfaden gegen Antisemitismus im Fußball vor.
Die Gedenkstätte Bergen-Belsen und der Jüdische Weltkongress legen einen Leitfaden gegen Antisemitismus im Fußball vor. Quelle: Christopher Menge
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Antisemitische Beschimpfungen, Bedrohungen und gewalttätige Übergriffe gegen jüdische und nicht-jüdische Vereine, Spielerinnen und Spieler und deren Fans sind sowohl im Profifußball als auch im Breitensport kein neues Phänomen. Wirksame und vorbeugende Maßnahmen zur Bekämpfung von Antisemitismus sowie Forschung, die zur Aufklärung und Weiterentwicklung von Bildungsangeboten beitragen, sind bisher allerdings nur vereinzelt vorhanden. Im Rahmen des Kooperationsprojekts „Wer gegen wen? Gewalt, Ausgrenzung und das Stereotyp ‚Jude’ im Fußball“ der Gedenkstätte Bergen-Belsen und des Jüdischen Weltkongresses (World Jewish Congress) wurde nun ein Leitfaden zum Umgang mit Antisemitismus entwickelt. Die Broschüre wurde am Mittwoch offiziell der niedersächsischen Justizministerin Barbara Havliza und dem Antisemitismusbeauftragten Dr. Franz Rainer Enste übergeben.

Handlungsempfehlungen zum Vorgehen gegen Antisemitismus

Auf der Grundlage von etwa 30 Interviews mit Praktikerinnen und Praktiker auf verschiedenen Ebenen des organisierten Fußballs in Niedersachsen wurden Handlungsempfehlungen zum Vorgehen gegen Antisemitismus im Fußball entwickelt. Neben Profi-Vereinen, Fanprojekten und Fan-Initiativen wurden auf der Ebene des Breitensports ebenso Amateurvereine in der Untersuchung befragt. Darüber hinaus hat das Projektteam auch weitere Expertinnen und Experten der Fachwelt sowie der Zivilgesellschaft mit in den Forschungsprozess einbezogen.

Stärkung der Prävention im Fußball

„Die Stiftung niedersächsischer Gedenkstätten hat hier zusammen mit dem Jüdischen Weltkongress eine wichtige Arbeit vorgelegt, die wir sehr gerne unterstützt haben“, so Justizministerin Havliza „Die Handlungsempfehlungen zeigen deutlich, welche Möglichkeiten es im Fußball gibt, sich gegen Antisemitismus zu engagieren. Wer im Sport Judenfeindlichkeit wahrnimmt, der muss dagegen einschreiten. Das gilt für Lieder in der Fankurve genauso wie für dumme Sprüche im Vereinsheim. Letztlich gilt das für jede Situation des Alltags. Die Stärkung der Prävention ist deshalb ein wichtiges Mittel, um Hetze, Hass, Rassismus und Antisemitismus von vornherein entgegenzuwirken. Auch aus diesem Grund haben wir im Niedersächsischen Justizministerium unlängst eine eigene Organisationseinheit – die Referatsgruppe Prävention und Opferschutz – geschaffen.“

Prof. Menachem Rosensaft, Associate Executive Vice President und General Counsel des Jüdischen Weltkongresses, betonte: „Wir müssen alles in unserer Macht Stehende tun, um die Welt des Sports von Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und allen anderen Formen von Fanatismus zu befreien. Die Handlungsempfehlungen bieten den Rahmen, dieses entscheidende Ziel zu erreichen.”

Die Empfehlungen des Leitfadens reichen von grundlegenden Voraussetzungen wie der Annahme und Anwendung der internationalen IHRA Arbeitsdefinition von Antisemitismus bis zu konkreten Vorschlägen zur Recherche nach Biografien und Vereinsgeschichte. Sie orientieren sich dabei an den konkreten Bedarfen und Wünschen der Befragten aus der Praxis sowie Erkenntnissen aus der Forschung. Die erarbeiteten Handlungsempfehlungen sind einer Broschüre zusammengefasst, die hier abrufbar ist.

Wissen zu historischen Ereignissen

Elke Gryglewski, Geschäftsführerin der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten und Leiterin der Gedenkstätte Bergen-Belsen, erläutert: „Um Antisemitismus im Kontext von Fußball richtig einordnen und ihm etwas entgegensetzen zu können, braucht man das Wissen zu historischen Ereignissen. Mit unseren Handlungsempfehlungen möchten wir diejenigen unterstützen, die begriffen haben, dass manche Äußerungen und Handlungen nicht richtig sind, und ihnen eine Orientierung an die Hand geben.“

Aktuelle fußballspezifische Erscheinungsformen

Die in dem Kooperationsprojekt entwickelten Handlungsempfehlungen behandeln Antisemitismus nicht nur in Bezug auf den Holocaust, sondern verknüpfen ihn mit aktuellen fußballspezifischen Erscheinungsformen. Somit wird ein Bezug zum Lebensumfeld der vor allem jüngeren Zielgruppen angestrebt. Bündnisse gegen Antisemitismus im Fußball basieren maßgeblich auf dem Engagement ehrenamtlich arbeitender Menschen. Die bestehenden Netzwerke gegen Antisemitismus im Fußball und das zivilgesellschaftliche Engagement sollen mit dem Projektergebnis gestärkt und handlungsfähig gemacht werden.

Das Projekt wurde vom niedersächsischen Antisemitismusbeauftragten Dr. Franz Rainer Enste ausgelobt und durch den Landespräventionsrat des niedersächsischen Justizministeriums im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben! 2020-24“ sowie den World Jewish Congress gefördert.

"Immer wichtiger werdendes Feld"

Der Landesbeauftragte gegen Antisemitismus und für den Schutz jüdischen Lebens, Franz Rainer Enste, unterstreicht: „Die Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten betritt mit ihrem Projekt ein neues und immer wichtiger werdendes Feld. Seit Gründung wirkt die Stiftung wegweisend gegen Antisemitismus. Elke Gryglewski als neue Leiterin setzt nun die vorbildliche Arbeit Jens-Christian Wagners fort. Darüber freue ich mich sehr, ebenso wie über die Strategien, dem Antisemitismus auf und neben dem Fußballplatz kraftvoll Einhalt zu gebieten. Antisemiten müssen die rote Karte gezeigt bekommen.“

Jürgen Poestges 31.03.2021
Michael Ende 31.03.2021