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Celle Stadt Anatol Chari bewegt Zuhörer in Celler Synagoge
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Anatol Chari bewegt Zuhörer in Celler Synagoge
15:05 13.06.2010
Von Andreas Babel
Anatol Chari während seiner Lesung am 17. April 2010 in der Celler Synagoge.
Anatol Chari während seiner Lesung am 17. April 2010 in der Celler Synagoge. Quelle: Andreas Babel
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Zwei Fragen würden Anatol Chari seit 65 Jahren immer wieder gestellt: Die erste sei, warum er denn nach dem Krieg in Deutschland geblieben sei. Er antworte dann stets: „Warum denn nicht? Mir ging es hier gut. Die deutsche Kultur ist mir ziemlich nahe. Nazis und Deutschland, das sind zwei verschiedene Sachen. Die Nazis sind Deutsche, das stimmt, aber die Deutschen sind keine Nazis.“

Da verwundert es kaum, wenn heute der Sohn des 87-jährigen Wahl-Kaliforniers in Deutschland lebt und er seit 17 Jahren oft von einer Ravensbrückerin begleitet wird, die er vor 19 Jahren in den USA kennen gelernt hatte. Sie war auch dieses Mal wieder an seiner Seite – während seiner gut 14-tägigen Lesereise durch Deutschland und während der Gedenkveranstaltung gestern auf dem Gedenkstättengelände.

„Ich habe Hass nie gelernt. Man wird nicht geboren, um jemanden zu hassen. Das wird einem beigebracht, ob zuhause oder in der Schule“, sagte Chari. Dennoch – und das ist die Antwort auf die zweite Frage, die ihm häufig gestellt werde – denke er dauernd über die Zeit in Gefangenschaft nach. „Irgend etwas erinnert mich ständig an die Zeit im Konzentrationslager“, sagte er, um das seinen Vortrag abrupt mit der Frage zu beenden: „Haben Sie noch Fragen?" Und die kamen aus dem Publikum reichlich.

Die interessante Innensicht eines Gefangenen aus mehreren KZs ermöglicht es Chari, authentische Vergleiche zu ziehen. So bezeichnete er in seinem Buch das KZ Auschwitz als „gutes Lager“, weil dort die Insassen das Gefühl haben konnten, nützlich zu sein – sie hatten Arbeit. In Bergen-Belsen gab es nur den Tod.

Der 87-Jährige sprach weitgehend frei und steht kerzengerade während des Vortrags, anstatt sich an den vorbereiteten Tisch zu setzen. Bis er 80 Jahre alt war, joggte er täglich am Pazifik-Strand vor seinem Haus. Er gilt als kalifornischer Weinpapst, liebt die französischen wie die italienischen Weine, die klassische Musik und verschlingt Bücher. In einem las er erst vor zwei oder drei Wochen während eines Israel-Besuchs, dass sein Vater in einem Wald bei Lodz erschossen sein worden muss – kurz nachdem sie sich das letzte Mal gesehen haben. So etwas erfährt jemand noch nach über 65 Jahren, obwohl er sich sein ganzes Leben mit dieser Thematik beschäftigt hat. Das finsterste Kapitel der deutschen Geschichte ist noch lange nicht zu Ende geschrieben.