Ursachen bekämpfen

Alzheimer: Neues Medikament macht Hoffnung

In den USA wurde ein Medikament zugelassen, das die Alzheimer-Erkrankung bekämpfen soll. "Ein riesiger Schub für die Forschung", findet ein Celler Experte.

  • Von Andreas Babel
  • 18. Okt. 2021 | 16:59 Uhr
  • 14. Juni 2022
  • Von Andreas Babel
  • 18. Okt. 2021 | 16:59 Uhr
  • 14. Juni 2022
Anzeige
Celle.

Ein Hoffnungsstreifen am Horizont der Demenzforschung: Anfang Juni hat die US-Arzneimittelbehörde (FDA) erstmals seit fast 20 Jahren ein neues Medikament gegen Alzheimer zugelassen. „Das ist ein riesiger Schub für die Alzheimer-Forschung“, sagt Professor Dr. Wolfgang Heide, stellvertretender Vorsitzender der Celler Demenz Initiative und Chefarzt der AKH-Klinik für Neurologie im Gespräch mit CZ-Redakteur Andreas Babel.

Was ist das für ein Medikament, Herr Professor Heide?

Das neuartige Medikament Aducanumab (Aduhelm) gehört zu der Gruppe der Amyloid-Antikörper und verringert im Gehirn von Alzheimer-Kranken die Ablagerung schädlicher Eiweißstoffe (Amyloid) und soll im Frühstadium das Voranschreiten des kognitiven Abbaus durch eine monatliche Infusion mildern. Ob sich daraus wirklich für den Patienten ein klinischer Nutzen ergibt, ist noch nicht klar. Hierzu müssen die behandelten Patienten in sogenannten Phase-4-Studien regelmäßig nachuntersucht werden. Bei der europäischen Arneimittelbehörde EMA wurde die Zulassung beantragt, eine Entscheidung wird Ende 2021 erwartet.

Wie wirkt dieses Medikament denn?

Beta-Amyloid-Fibrillen gelten seit Langem als vielversprechendes Ziel für Alzheimertherapien, wobei monoklonale Antikörper wie Aducanumab das Amyloid „herauswaschen“ können. Bei Alzheimer kommt es zur Ablagerung von Eiweißstoffen (Beta-Amyloiden und Tau-Fibrillen) im Gehirn, die nicht mehr abgebaut werden können und zum Absterben der Hirnzellen führen. Die Erkrankung beginnt vermutlich Jahrzehnte vor den ersten Symptomen. Ob eine Behandlung den Krankheitsprozess dann noch aufhalten kann, ist umstritten. Immerhin haben bisherige Studien wiederholt gezeigt, dass eine Behandlung mit monoklonalen Antikörpern Beta-Amyloid binden und aus dem Gehirn entfernen kann.

Wie ist es um die Wirksamkeit bestellt?

Alle Versuche, auch eine günstige klinische Wirkung bei Patienten mit Morbus Alzheimer nachzuweisen, waren bisher gescheitert, auch mit dem Beta-Amyloid-Antikörper Aducanumab. Vor zwei Jahren kam die Kehrtwende: Der Hersteller Biogen hatte nach dem Abbruch der beiden ersten erfolglosen Studien den Teilnehmern ermöglicht, die Behandlung fortzusetzen. Hier fanden sich bei 2066 Patienten Hinweise auf einen klinischen Nutzen. Die Verträglichkeit war relativ gut, Nebenwirkungen in Form von Kopfschmerzen (21 Prozent), Stürzen (15 Prozent) oder Durchfall (9 Prozent) waren etwas häufiger als unter Placebo (15 Prozent). Aducanumab wurde daraufhin vorzeitig von der FDA zugelassen zur Behandlung von Alzheimer, insbesondere weil in drei Studien ein deutlicher Rückgang der Beta-Amyloid-Last des Gehirns nachgewiesen werden konnte. Die jährlichen Kosten für das Medikament werden auf 56.000 US-Dollar geschätzt. Demgegenüber stehen die bisherigen Kosten für das Gesundheitssystem von etwa 500.000 US-Dollar pro Alzheimerpatient.

Was muss geschehen, dass das Medikament zugelassen werden kann?

Die FDA knüpft die weitere Zulassung von Aducanumab daran, dass in der jetzt laufenden Nachbeobachtungsstudie das Mittel den klinischen Zustand der Patienten verbessert, das heißt weitere kognitive Störungen verhindert und das Fortschreiten der Demenz verlangsamt. Heilen kann es die Erkrankung nicht, denn einmal verlorene Fähigkeiten werden nicht zurückgewonnen, da untergegangene Hirnzellen nicht ersetzt werden können. Meine Kollegin, Professor Dr. Kathrin Reetz, Vizepräsidentin der Deutschen Hirnstiftung. bezeichnet die Zulassung von Aducanumab in den USA als ersten Meilenstein. Sie hofft, dass dies nun zu noch mehr Forschungsaktivitäten in der Entwicklung neuer und effektiveren Therapien neurodegenerativer Erkrankungen führt.

Gibt es noch weitere erfolgversprechende Medikamente gegen Alzheimer?

Ja, eine im New England Journal of Medicine im Juli dieses Jahres veröffentlichte Studie erbrachte Belege für den nachhaltigen Nutzen einer Behandlung mit dem Serotonin-Antagonisten Pimvanserin bei demenzkranken Menschen mit psychotischen Episoden (Wahnvorstellun-gen, Unruhe, Halluzinationen), an denen etwa 50 Prozent der weltweit 45 Millionen Alzheimer-Kranken leiden und die oft zu einer schnelleren Verschlechterung der Demenz führen. Dafür gibt es bislang keine als wirksam gesicherte Behandlung, die derzeit angewendeten Medikamente (Dopaminrezeptor-Antagonisten) führen bei Menschen mit Demenz oft zu Müdigkeit, Stürzen und erhöhtem Sterberisiko. Pimavanserin (Nuplazid) wirkt durch Blockierung der Serotonin-5HT2A-Rezeptoren und ist deutlich besser verträglich. Als Nebenwirkungen wurden Kopfschmerzen oder Verstopfung beschrieben. In den USA ist es bereits zur Behandlung von Halluzinationen und Wahnvorstellungen bei Parkinson-Psychosen zugelassen.