Nancy Janz

Als Jugendliche vom Celler Pastor missbraucht

Nancy Janz wurde als 17-Jährige von einem Celler Pastor sexuell missbraucht. Der Täter von damals ist längst schon nicht mehr in Celle. Aber er arbeitet noch immer als christlicher Pastor und „Seelsorger“. Als ob nichts gewesen wäre. Heute engagiert sich Nancy Janz für andere Betroffene.

  • Von Michael Ende
  • 04. Feb. 2022 | 07:00 Uhr
  • 12. Juni 2022
Ungezählte Missbrauchsfälle werfen einen dunklen Schatten auf die Kirchen.
  • Von Michael Ende
  • 04. Feb. 2022 | 07:00 Uhr
  • 12. Juni 2022
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Celle.

Nicht nur die katholische Kirche hat ihren Missbrauchsskandal . Auch hinter den Kulissen der evangelischen Kirche tun sich Abgründe auf. „Sexualisierte Gewalt hat so viele Gesichter und kommt manchmal scheinbar freundlich, zugewandt, unterstützend, schützend und begleitend daher – und hat dennoch verheerende Auswirkungen“, sagt Nancy Janz. Sie kämpft für die Rechte von Opfern sexueller Übergriffe in der evangelischen Kirche und gegen das systematische Wegschauen, Vertuschen und Vergessen. Kürzlich hat die heute 42-Jährige bei der Synode, einem von drei Leitungsorganen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Betroffenen eine Stimme verliehen. Die schlimmen Erlebnisse, die Janz prägten, unter denen sie heute noch leidet, sind ihr in einer Celler Kirchengemeinde widerfahren. Hier wurde sie als 17-Jährige von einem Pastor sexuell missbraucht. Der Täter von damals ist längst schon nicht mehr in Celle. Aber er arbeitet noch immer als christlicher Pastor und „Seelsorger“. Als ob nichts gewesen wäre.

Liebe Worte, böse Taten

„Ich wollte ja nur das Beste für dich.“ – „Ich hab‘ dich immer lieb gehabt, ich wollte dir nie was Böses.“ – „Dir hat‘s doch auch gefallen.“ – „Es war doch schön.“ Sätze wie diese hat Nancy Janz jahrelang immer wieder von dem Täter gehört, der sie sexuell missbrauchte. Heute lebt sie in Bremen, arbeitet als Inklusionsbeauftragte für die Bremische Evangelische Kirche und ist Heilpraktikerin für Psychotherapie mit einer eigenen Praxis.

Gewalt schon im Elternhaus

Janz wuchs in der ehemaligen DDR auf. Ihr Elternhaus war geprägt von Alkoholismus und Gewalt von Seiten der Mutter sowie sexuellen Übergriffen durch Vater, Schwager und weitere nichtfamiliäre Täter. „So bin ich groß geworden“, erzählt sie. Mit 16 Jahren zog sie von zu Hause aus und begann kurz darauf in Celle ihre Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin. Damals stand sie vor einem Abgrund: „Ich habe mit meiner Familie gebrochen, bin in eine neue Stadt gezogen, ich wusste nicht, wie ich mich finanzieren sollte – alles war total schwierig.“ Nancy Janz suchte Halt in einer Gemeinde der Hannoverschen Landeskirche. Und fand ihn dort auch in dem Jugendpastor, der sich als Seelsorger um sie kümmerte: „Umarmungen und Trost waren selbstverständlich.“

Das Bild täuscht: Nancy Janz verlebte in Celle keine unbeschwerte Zeit.

Erinnerungen an einen schlimmen Herbst

Sie könne sich nicht mehr genau erinnern, wie und wann genau der sexuelle Missbrauch begonnen habe, sagt Janz. „Meine Erinnerungen sind fragmentarisch.“ Sie erinnert sich zum Beispiel an den Herbst 1997: „Da war die Frau des Pastors schwanger. Eine Jugendfreizeit fand statt, und dort gab es ein kleines Schwimmbad. Ich erinnere, wie ich auf dem Beckenrand sitze und wie er mich sexuell missbraucht hat. Ich wollte das nicht und habe es innerlich erstarrt geschehen lassen. Er war ja für mich eine Person, von deren Unterstützung ich mich abhängig fühlte.“ Im Sommer habe es dann eine weitere Situation gegeben, in der man mit anderen Jugendlichen in einer Kiesgrube bei Celle schwimmen war. „Dort gab es einen weiteren sexuellen Verkehr. Wie es ihm gelungen ist, dass wir abseits von den anderen waren, kann ich nicht mehr rekonstruieren, aber es trug dazu bei, dass ich, sobald wir wieder bei den anderen waren, weiter normal funktionieren musste.“

Ein weiteres Mal sei sie mit dem Pastor allein schwimmen gewesen, erinnert sich Nancy Janz: „Er hat mir Avancen gemacht, die ich jedoch deutlich zurückgewiesen habe, und doch ist es passiert – er hat nicht aufgegeben. Ich fand das total schrecklich, aber ich konnte leider nichts daran ändern.“ Und als die labile junge Frau den Pastor um einen Seelsorgetermin bat, habe er sie zu sich nach Hause eingeladen und sie mit offen stehender Tür und in der Badewanne liegend empfangen, so Janz: „Es endete damit, dass wir im Ehebett Sex hatten, seine Frau war verreist.“

Nach außen hin fröhlich: Nancy Janz in ihrer Celler Zeit.

Das Opfer schwieg lange

Damals konnte Nancy Janz mit niemandem darüber sprechen. Erst Jahre später schaffte sie das. Vier Jahre lang dauerte der Missbrauch an. Sie sagt, ihr Täter habe sich ihr Schweigen erkauft und sie an seine Familie gebunden, indem er sie zur Patentante seiner Tochter gemacht habe: „Viele Jahre fühlte ich mich verantwortlich dafür, den Missbrauch nicht öffentlich zu machen. Der Grund: Ich wollte meiner Patentochter nicht antun, was ich erlebt hatte. Nämlich in einer Familie groß werden, die nicht funktionierte, nicht stabil war.“

Janz sprach mit dem Kirchenvorstand – und der wohl mit dem Täter, denn von da an ließ der Pastor die Finger von ihr. Im Jahr 2000 hatte die junge Frau ihre Ausbildung beendet und zog nach Bremen: „Ich habe in den kommenden Jahren viel Therapie gemacht und mein Erlebtes aufgearbeitet, bin stabil geworden, lebe seit über 16 Jahren in einer festen Beziehung, habe einen neunjährigen Sohn und eine angenommene 22-jährige Tochter.“

Nancy Janz freut sich, dass ihr Fall, der für den Täter Jahrzehnte lang keine Folgen hatte, nun noch einmal aufgerollt wird.

Und dann war alles „verjährt“

Doch die Vergangenheit holt Nancy Janz immer wieder ein. „2014 bekam ich einen verzweifelten Anruf von dem Pastor aus Celle, der psychisch sehr labil und verzweifelt war“, sagt sie. „Er bat mich um Hilfe. Ich fuhr zu ihm und erfuhr, dass er wegen sexuellen Missbrauchs angezeigt worden war, das Ganze aber verjährt sei und wahrscheinlich keine Folgen haben würde.“ Er hatte gedacht, dass sie ihn angezeigt hätte: „Das war aber ein anderes Mädchen“, betont sie.

Janz selbst erstattete 2018 eine Anzeige bei der Polizei: „Trotz des Wissens um die Verjährung. Ich ermöglichte so den Aktenzugang zu einem weiteren Fall, der 2014 zur Anzeige gebracht, aber wegen Verjährung fallen gelassen wurde. Die Frau war zum Tatzeitpunkt unter 16 Jahre und somit kein Grenzfall wie meiner. Ich habe viel recherchiert, wer diese Frau war, leider war sie nicht bereit, noch einmal alles aufzurollen und sich mit dem Kirchenamt auseinanderzusetzen. Der Fall wäre damit allerdings klar gewesen und ein Disziplinarverfahren hätte problemlos eingeleitet werden können.“

Kirche zahlt 26.000 Euro

Erst durch ihren Antrag auf Anerkennungsleistungen und die Anzeige der Tat bei der Hannoverschen Landeskirche habe auch ihr Patenkind von dem Missbrauch erfahren und brach mit ihr, sagt Nancy Janz. Die Frau ihres Täters habe damals gesagt, er sei „geläutert“ und habe „es mit Gott ausgemacht“. Das Opfer erhielt von der Kirche Geld: „Mein Fall wurde von der unabhängigen Kommission anerkannt, und ich bekam insgesamt 26.000 Euro. Zusätzlich wurden mir Hilfen für anfallende Therapiekosten gezahlt.“ Gerechtigkeit sei so aber nicht hergestellt worden, sagt Janz: „Es gab keine Möglichkeit eines juristischen Vorgehens gegen den Täter. Er arbeitet weiterhin für die Kirche, hat weiterhin Kontakt zu jungen Menschen und wurde nicht belangt. Seine Kirchengemeinde steht hinter ihm, schrieb regelmäßig Briefe ans Kirchenamt, dass es doch nicht sein könne, dass ihr Pfarrer beschuldigt werde, er tue doch so viel Gutes.“ Kürzlich habe der Pastor sogar noch eine besondere Ehrung erfahren. „Ich finde das eine Ungeheuerlichkeit“, sagt Nancy Janz.

Kritik an Landeskirche

Die Unterstützung seitens der Hannoverschen Landeskirche war für sie eine bittere Enttäuschung: „Dort habe ich einen Juristen erlebt, der in einem Telefonat mit mir anfing zu weinen, und eine Beauftragte für sexualisierte Gewalt, die zugab, überfordert und nicht geschult zu sein. Das ist ein absolutes No-Go, und so kann es auf keinen Fall gehen. Wenn ich da an meine Klienten denke und an Betroffene, dann kann ich keinem empfehlen, sich zu melden. Da muss sich noch einiges ändern.“ Deshalb engagiert sich Janz im Betroffenenbeirat.

„Null Toleranz“ und null Dienstaufsichts-Möglichkeiten

Wie aber ist die Landeskirche mit dem Fall umgegangen? Warum wurde der Pastor nicht zur Rechenschaft gezogen? „Wir mussten das Vorliegen einer Straftat beweisen, was deshalb besonders schwierig war, weil die Staatsanwaltschaft die Strafverfahren gegen den Pastor wegen Verjährung eingestellt hatte“, sagt Vizepräsident Rainer Mainusch, Leiter der Rechtsabteilung im Landeskirchenamt: „Nachdem es uns auch mit Hilfe eines aussagepsychologischen Gutachtens nicht gelungen war, den erforderlichen Beweis zu führen, mussten wir anerkennen, dass es keine weiteren Möglichkeiten gibt, im Rahmen der Dienstaufsicht auf den Pastor einzuwirken.“ Unabhängig davon habe man ihm gegenüber die „Null-Toleranz-Linie“ der Landeskirche gegenüber sexualisierter Gewalt deutlich klargestellt.

Kirche erkennt Unrecht an

Und was sagt die Kirche Opfern wie Nancy Janz? Ist es mit einer Geldzahlung getan? „Das erlittene Unrecht ist mit Geldzahlungen nicht aus der Welt zu schaffen. Die Zahlungen in Anerkennung erlittenen Unrechts sind einem Schmerzensgeld vergleichbar. Mit ihnen erkennt die Landeskirche ihre institutionelle Verantwortung für das von den Betroffenen geschilderte Unrecht an“, so Mainusch: Anders als in dienstrechtlichen Verfahren, in denen es vorrangig um die individuelle Verantwortung der Beschuldigten gehe, müsse das Unrecht dabei nicht juristisch bewiesen werden.

Bei der Synode der EKD berichtete Nancy Janz von ihrem Schicksal und forderte mehr Rechte für Betroffene und eine bessere Behandlung von Missbrauchs-Opfern ein.

Rechtsstellung Betroffener verbessern

Jede Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung sei ein Übergriff, der sanktioniert werden müsse, sagt Mainusch auf die Frage, warum der Pastor immer noch in Amt und Würden ist: „Das ist in einem demokratischen Rechtsstaat zunächst einmal Sache des Staates. Darum ist die Zusammenarbeit mit den Staatsanwaltschaften für uns eine Selbstverständlichkeit. Gleichzeitig sind Fälle sexualisierter Gewalt mit dem Dienst eines Pastors unvereinbar, und sie müssen neben strafrechtlichen auch dienstrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen.“ Ihm sei bewusst, so versichert er, dass es für Betroffene äußerst belastend sein müsse, wenn die Beweislage für eine dienstrechtliche Reaktion nicht ausreiche: „Ob und inwieweit die Rechtsstellung Betroffener in dienstrechtlichen Verfahren noch verbessert werden kann, wird bis zur nächsten Synode der EKD im November dieses Jahres überprüft.“

Dass die Kirche sich vielleicht lieber von sexuell übergriffigen Pastoren trennen würde, deutet Mainusch zumindest an: „Es wird aber immer das Dilemma bleiben, dass die Grundsätze eines rechtsstaatlichen Verfahrens wie die Unschuldsvermutung nicht immer zu einem Ergebnis führen, das die Betroffenen und auch die Landeskirchen als Dienstherren für angemessen halten.“

„Täter sind selten die Bösewichte“

„Und dann stehst du da und kannst nichts tun“, sagt Nancy Janz: „Als Opfer muss man beweisen, dass man Opfer ist, und der Täter kann erst einmal abwarten, sich rüsten und Menschen hinter sich stellen oder gar eine ganze Gemeinde. Täter sind selten die Bösewichte – sie sind häufig Menschen, die Charisma haben und viel Gutes bewirken. Das geht so nicht.“

Bislang hat die EKD nach eigenen Angaben rund 785 Opfer von Missbrauch unter kirchlichen Dächern ermittelt.

Betroffenenbeirat ausgesetzt

Damit Betroffene künftig nicht mehr solche Erfahrungen machen müssen wie Janz, hatte die EKD einen Betroffenenbeirat einberufen. Der wurde allerdings schnell wieder „ausgesetzt.“ Als Grund nannte die EKD interne Konflikte und Rücktritte aus dem zwölfköpfigen Gremium, so dass eine Weiterarbeit des Rates nicht möglich sei: „Nach den Rücktritten mehrerer Mitglieder aus dem vor einem knappen halben Jahr gegründeten Betroffenenbeirat und einem Antrag auf Auflösung aus dem Gremium heraus ist die bisherige Konzeption gescheitert.“ Als „Skandal“ bezeichnet Detlev V. Zander, Mitglied des Betroffenenbeirates, dieses Vorgehen der EKD: „Ohne Betroffenenbeteiligung kann die EKD die Gewalttaten, die in der Kirche geschehen sind, nicht aufklären. Die EKD hat immer noch die Deutungshoheit. Sie setzt die Leitplanken, aber ohne Betroffenenbeteiligung geht es nicht.“ Bislang hat die EKD nach eigenen Angaben rund 785 Opfer von Missbrauch unter kirchlichen Dächern ermittelt.

Dem Pastor geht es gut

Und der Täter? Er praktiziert als Pastor in einer niedersächsischen Gemeinde. Über Nancy Janz möchte er nicht reden. „Kein Kommentar“, sagt er auf Anfrage der CZ.

Seelische Qualen und Schäden „verjähren“ nicht

Als moralische Instanzen sollten sich die Kirchen angesichts ungezählter Missbrauchsfälle lieber nicht aufspielen , kommentiert Michael Ende.

Hilfe für Opfer sexueller Gewalt

Der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) ist das Amt der Bundesregierung für die Anliegen von Betroffenen und deren Angehörigen. Johannes-Wilhelm Rörig leitet es: „Sexuelle Gewalt in der Kindheit oder Jugend wirkt nach. Zeitnahe Hilfen sind für viele Betroffene wichtig, um die Gewalterfahrung zu verarbeiten. Das Hilfe-Portal Sexueller Missbrauch unterstützt dabei, wichtige Hilfe schnell zu finden, und bietet viele hilfreiche Informationen.“ Das Portal ist im Internet unter www.hilfe-portal-missbrauch.de zu finden. Das Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch ist unter der Rufnummer (0800) 22 55 530 zu erreichen.