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Celle Stadt 200 Jahre alter Stoff ganz aktuell
Celle Aus der Stadt Celle Stadt 200 Jahre alter Stoff ganz aktuell
12:59 13.06.2010
Premiere Der Parasit
Premiere Der Parasit Quelle: Fremdfotos / Texte Eingesandt
Celle Stadt

Da erklimmt einer, scheinbar unaufhaltsam, die Karriereleiter im Ministerium. Intrigen beherrscht er meisterhaft, weiß sich die richtigen Freunde zu suchen – und auszunutzen, wenn es nur dem eigenen Vorwärtskommen dient. Eine aktuelle Enthüllungsgeschichte? Keineswegs, sondern ein gut 200 Jahre altes Theaterstück: Friedrich Schiller hat für „Der Parasit oder Die Kunst, sein Glück zu machen“ auf eine Vorlage des französischen Lustspieldichters Louis-Benoît Picard zurückgegriffen. Am Freitag ist im Schlosstheater Premiere. Zwei Berliner sind zum ersten Mal vor Ort mit von der Partie: Bettina Rehm gibt ihr Celle-Debüt als Regisseurin, Thomas Schreyer, in der Rolle des „Parasiten“ Selicour, als Schauspieler. Allerdings kennt er die Residenzstadt: „Ich war Mitte der 80er Jahre beim Panzerbataillon in der Freiherr-von-Fritsch-Kaserne stationiert. Die Besuche im Schlosstheater waren eine willkommene Abwechslung.“

Das Gespräch über die kommende Premiere landet fast zwangsläufig schnell bei der beklemmenden Aktualität des Stoffs: „Man hat ja gar nicht das Gefühl, dass sich da etwas gebessert hat“, meint Rehm. „Eher im Gegenteil.“ Die Regisseurin will den Stoff denn auch weitgehend aus den ursprünglichen Setzungen von Zeit und Raum lösen: Die Kostüme werden heutig sein, der Ort ist nicht Paris, sondern „ein Irgendwo“. Die Sprache soll aber Schiller bleiben, wenn auch schon mal ein „Principal“ durch einen „Chef“ ersetzt wird. Man muss also nicht befürchten, dass der Text auf einmal vor tagespolitischen Anspielungen strotzt.

Höchst wichtig ist den beiden Theaterschaffenden, dass „Titelheld“ Selicour nicht als eindimensionaler Schuft über die Rampe kommt. „Auf seine Art ist er selbst ein Opfer“, betont Rehm, „und die Anderen profitieren ja auch von ihm. Ich will jedenfalls die Faszination zeigen, die er überall erweckt.“ Auch Schreyer sieht mannigfache Facetten: „Ich finde zum Beispiel bemerkenswert, dass Selicour nur zwei Mal wirklich lügt. Sonst bleibt er bei der Wahrheit, wobei er die natürlich immer für seine Interessen auszulegen versucht.“

Ein paar Eigenmächtigkeiten hat sich Bettina Rehm beim Personal des Stücks erlaubt. So ist La Roche, den Selicour übel ausbremst und damit heftige Rachegefühle auslöst, in dieser Inszenierung eine Frau: „Es gab in dem Stück keine wirklich starke weibliche Figur“, erläutert die Regisseurin. „Wenn man so will, war das der Emanzipationsgedanke. Ich finde es aber auch einfach spannender, wenn diese Figur die Waffen der Frau einzusetzen weiß.“ Eine andere Änderung betrifft Madame Belmont, die von der Mutter des Ministers Narbonne jetzt zu dessen Gattin wird.

Mit vereinzelten bewussten Überzeichnungen sei zwar zu rechnen, kündigt Bettina Rehm an, doch die Vielschichtigkeit des Geschehens solle darunter keinesfalls leiden: „Ich will den Besuchern nicht alle Gefühle schon auf der Bühne vorgeben. Es ist doch viel interessanter, wenn die sich im Zuschauerraum entwickeln.“

●Neuen Öffnungszeiten der Theaterkasse: montags, mittwochs und freitags, 10 bis 15 Uhr, dienstags 12.30 bis 18.30 Uhr, sonnabends, 9 bis 13 Uhr.

Von Jörg Worat