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Celle Ortsteile Versunkene Stadt wird gehoben
Celle Aus der Stadt Celle Ortsteile Versunkene Stadt wird gehoben
12:53 13.06.2010
Von Michael Ende
Wird Ur-Celle zur touristischen Attraktion?
Wird Ur-Celle zur touristischen Attraktion? Quelle: nicht zugewiesen
Altencelle

Wer an mittelalterliche Städte denkt, geht davon aus, dass sie von Stadtmauern umgeben waren – das alte Celle hatte keine. Nur eine der Ungewöhnlichkeiten, die der Archäologe Thomas Küntzel im Bereich der Wüstung des 1292 aufgegebenen Altencelle entdeckt hat. „Auf dem Magnetogramm ist der Ortsplan ganz klar zu sehen. Zu erkennen sind zwei Reihen von Kellern beiderseits einer Straße – des aus den Flurkarten des 19. Jahrhunderts bekannten Steinweges – sowie verschiedene Strukturen westlich der Gertrudenkirche, die eventuell zu einem weiteren Weg und zu einem größeren Gebäude gehören, das vielleicht als ehemaliges Rathaus, Münze oder anderes öffentliches Gebäude angesprochen werden kann“, so Küntzel.

lKeine Stadtmauer: Eine Befestigung der alten Stadt ließ sich nicht nachweisen. Küntzel: „Altencelle war demnach eine offene Siedlung. Dies ist für eine Stadt des späten 13. Jahrhunderts äußerst ungewöhnlich: Vielfach wurden Städte in dieser Zeit als Großburgen gegründet, deren Bürger tatkräftige Waffenhilfe für den Stadtgründer zu leisten hatten. Deshalb wird in der Forschung meist davon ausgegangen, dass man von der Erwähnung als „Stadt auf eine Befestigung schließen kann, was aber – wie das Beispiel Altencelle nun belegt – nicht ohne weiteres möglich ist.“ Abgesehen von der Befestigung habe das alte Celle über alle wesentlichen Merkmale einer mittelalterlichen Stadt verfügt: „Es gab einen Rat, der als rechtsfähige Korporation ein Siegel benutzte, Handwerker und Händler sowie eine Münze und einen Zoll. Altencelle war bereits im 12. Jahrhundert der wichtigste Umschlagplatz für Waren auf dem Wege von Braunschweig nach Bremen.“

Auf einer Länge von 160 Metern sei der „Steinweg“, der tatsächlich eine Schotterstraße gewesen sein müsse, zu erkennen. Auf beiden Seiten von ihm lagen ungefähr 14 teilweise unterkellerte Wohnhäuser, so Küntzel: „Auf der Ostseite des Steinweges liegen die Keller in zwei Dreier- und einer Zweiergruppe zusammen. Westlich des Steinweges ist nur eine Gruppe aus vier bis fünf Kellern im Norden und eine weitere Gruppe aus drei ungleich großen Kellern im Süden zu sehen. Im Bereich der östlichen Kellergruppen zeichnet sich eine Parzellenbreite von 10,80 Metern ab, was einem mittelalterlichen Maß von drei Messruten entsprechen würde. Nimmt man die Tiefe der Grundstücke westlich des Steinweges zum Vergleich, ließe sich eine Proportion der Grundstücke von 1:3 oder 10,8 mal 32,4 Meter postulieren.“

lRathaus entdeckt? Am nördlichen Ende der prospektierten Fläche sei direkt gegenüber dem Friedhof ein einzelner Kellerumriss zu erkennen, der auf etwas Großes schließen lasse, so der Archäologe: „Es könnte sich um das Rathaus oder ein vergleichbares, herausgehobenes, administratives Gebäude wie eine Münze oder ein Zollhaus handeln oder um die Fortsetzung der zivilen Bebauung entlang des Steinweges, der sich dann in gerader Linie auf die Allerniederung zu erstreckt hätte. Allerdings befindet sich der Keller für ein normales Haus ungewöhnlich dicht am heutigen Weg, der mit dem historischen Steinweg identisch sein dürfte.“

lStadtplan kopiert: Für die weitere Forschung im Bereich der Ostumgehungs-Trasse sei die Frage von Belang, ob sich nördlich der Gertrudenkirche und des „Niemarktes“ eine Furt befand, erläutert Küntzel: „Das Magnetometerbild lässt noch eine alternative Möglichkeit denkbar erscheinen: Demnach waren die Hauptverkehrsachsen der Stadt T-förmig angelegt, mit zwei Nord-Süd-Straßen im Süden – Steinweg und heutige südliche Gertrudenstraße – und einem quer verlaufenden Ost-West-Weg, der über einen Marktplatz nördlich der Gertrudenkirche zu einer Furt im Osten führte. Eine ähnliche Situation bietet der Kern der heutigen Celler Altstadt ohne die Blumlage.“ Demnach hätte man bei der Neuanlage der Stadt den Grundriss der alten Stadt übernommen – lediglich um 90 Grad gedreht. Küntzel: „Ein solcher Vorgang ist völlig ungewöhnlich, denn normalerweise erhielt die jüngere Stadtanlage einen regelmäßigeren, modernen Grundriss. Bei Altencelle fällt allerdings auf, dass der durch die Prospektionen erfasste Bereich der einstigen Stadt ebenfalls sehr modern wirkt: Man fühlt sich fast an ein modernes Reihenhausviertel erinnert.“

lLöwen-Stadt? Offenbar sei dieser Ortsteil relativ spät entstanden – in der zweiten Hälfte des 12. oder in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, als man bereits auf eine gewisse Regelhaftigkeit des Ortsplanes geachtet habe, schätzt der Archäologe: „Dementsprechend darf Heinrich der Löwe oder Herzog Otto das Kind als Stadtgründer in Betracht gezogen werden.“

Weiterhin sei das Alter der Gertrudenkirche zu klären: „Falls die Stadt erst um 1200 ausgebaut wurde, hätte die Kirche vorher weitgehend isoliert gestanden – oder wurde sie erst gemeinsam mit der Stadt errichtet, als Stiftung des welfischen Herzogs? Gertrud war auch der Name der Mutter Heinrichs des Löwen, einer Tochter des Kaisers Lothar III.. Heinrich der Löwe könnte die Kirche deshalb der Heiligen Gertrud von Nivelles, der Patronin der Pilger und Reisenden geweiht haben.“

Am 23. und am 28. August wurde das Gelände durch Claus G. Kullig und Harald Nagel vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege mit Metallsonden begangen, um eventuellen Raubgräbern zuvorzukommen, die auf die Fundstelle aufmerksam geworden sein könnten. Sie bargen eine Reihe bemerkenswerter Funde:

lIm Bereich des südlichen Steinweges kam ein Anhänger in Gestalt einer Muschel (Foto) zutage, der wohl als Pilgerzeichen zu interpretieren ist. Der Form nach könnte der Anhänger in das späte 12. oder 13. Jahrhundert datieren;

lEin Ring mit verschränkten Händen ( so genannter „Truwebratzen“) ist ebenfalls charakteristisch für das Hoch- und Spätmittelalter; derartige Ringe wurden gerne zur Verlobung verschenkt.

lBei einem stark deformierten Objekt aus Buntmetall könnte es sich um den halb wieder eingeschmolzenen Rest eines Grapenfußes (Kochkessel) handeln. Dies würde die Anwesenheit von spezialisierten Grapengießern in der alten Stadt belegen.

lVom nördlichen Ende des Areals stammt das Bruchstück einer Klappwaage. Es dürfte einem Kaufmann oder einem Feinschmied gehört haben;

lWeitere Gussreste dürften von metallverarbeitenden Handwerkern in der Stadt zurück gelassen worden sein.

Quer über den alten „Niemarkt“ (B) des alten Celles verläuft die Trasse der geplanten B3-Ostumgehung (orange). Das Vorhandensein archäologischer Funde wird ihren bau nicht im Wege stehen. Der in alten Flurbezeichnungen erhaltene Name des Marktes lässt darauf schließen, dass schon die alte Stadt vor 1292 erweitert worden war. Das mit A gekennzeichnete Gebiet ist bereits magnetografisch erfasst worden. Im Areal C vermuten die Forscher einen Bohlenweg, der durch die Allerniederung zu einer alten Furt führen könnte. Die Hafenanlagen des alten Celles könnten im mit D markierten Bereich liegen.