Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Anmelden
Celle Ortsteile Ärger über vergessene Stadt „Tsellis“
Celle Aus der Stadt Celle Ortsteile Ärger über vergessene Stadt „Tsellis“
14:35 13.06.2010
Von Michael Ende
Altencelle

Erst versunken, dann entdeckt und schon wieder in vergessen – so könnte man stichwortartig das Schicksal der Stadtwüstung „Tsellis“ nahe der Altenceller Gertrudenkirche umreißen. Im vergangenen Jahr hatte man die um 1292 untergegangene Stadt als archäologische Sensation bezeichnet. Begeisterte Politiker aller Ebenen pilgerten dort hin, waren sich einig, dass nach ersten aufsehenerregenden Funden ohne Verzug schleunigst weiter geforscht werden sollte. Die Realität sieht anders aus: Passiert ist seitdem nichts.

Einer, der sich über derlei Lippenbekenntnisse und das allgemeine Nichtstun ärgert, ist Dieter Reinebeck, Vorsitzender der Fördergemeinschaft Historisches Altencelle. Er erinnert daran, dass die Straßenbauverwaltung im schon im Jahr 2011 dort im Rahmen der Ostumgehung zu bauen beginnen will, wo der „Niemarkt“ und der Hafen von „Tsellis“ vermutet werden. Sogar wenn man jetzt sofort dort Archäologen mit Spaten und Pinsel arbeiten lassen würde, bliebe kaum Zeit für eine vernünftige Erforschung des Celler Erbes, befürchtet Reinebeck.

2008 hatte man nur die Hälfte der Untersuchungsfläche abarbeiten können. Das „Niemarkt“-Gelände sei ungleich größer, so Reinebeck: „Weil man ja nicht weiß, worauf man stoßen wird, ist es angeraten, rechtzeitig anzufangen. Es muss akribisch genau gearbeitet werden, und das ist im Hauruck-Verfahren nicht zu leisten.“ Die Untätigkeit der zuständigen Stellen kann er einfach nicht verstehen, denn „die Grabung kann sich über mehrere Jahre hinziehen.“

Gegraben werden solle in diesem Jahr auf dem „Niemarkt“ nicht, wohl aber wolle man eine Bodenprospektion vornehmen, so Bezirksarchäologe Jan Joost Assendorp. Das Erdreich solle gewissermaßen „geröntgt“ werden um zu klären, ob dort Funde zu erwarten seien – und das, obwohl dort bereits jetzt jedermann Tonscherben und Ziegelbruchstücke von der Erdoberfläche aufsammeln kann. Sofort loslegen könne man mit der Prospektion allerdings nicht; so Assendorp. Etwas Wichtiges stehe den Experten im Weg: „Zuerst muss das dortige Maisfeld abgeerntet sein.“

Die Stadt Celle gibt in diesem Jahr kein Geld für „Tsellis“ aus. Oberbürgermeister Dirk-Ulrich Mende (SPD) hatte zwar angedeutet, man könne Mittel vielleicht noch in einem Nachtragshaushalt bereitstellen, aber mittlerweile heißt es aus dem Rathaus, es sei noch nicht einmal angedacht, „Tsellis“ im Etat für 2010 auftauchen zu lassen: „Bisher ist nichts vorgesehen. Wir rechnen aber damit, dass es über einen politischen Antrag zu den Haushaltsberatungen in die Debatte kommt.“ Genau so ein Antrag ist im vergangenen Jahr abgelehnt worden. Die SPD hatte damals gefordert, 50000 Euro einzustellen, um die Sicherung der begonnenen ersten Ausgrabungen zu gewährleisten.

Altencelles Ortsbürgermeister Otto Stumpf (CDU) ist nicht glücklich über die einjährige Forschungspause: „Ich würde mir wünschen, dass die Stadt initiativ würde und im Benehmen mit dem Bezirksarchäologen und mir ein Gesamtkonzept über das weitere Vorgehen erarbeiten würde.“ Das unklare „Vielleicht-und-wenn-nicht-heute-dann-eventuell-morgen“ könne der Bedeutung der Sache nicht gerecht werden.

Meinung

Gras wächst

Sehenden Auges lässt die Stadt Celle eine Riesenchance verstreichen, die sich nie wieder bieten wird, wenn erst in ein paar Jahren große Teile von „Tsellis“ unter den Brückenrampen der neuen Ostumgehung verschwunden sind. Moment: sehenden Auges? Das trifft nun wirklich nicht zu. Denn wo wegsehende Politiker Gras wachsen lassen und ein Bauer Mais anpflanzt, da kann man ja gar nicht hingucken – wie dumm.

Und wie dumm wird man erst dastehen, wenn man die Angelegenheit weiter mit demselben Elan wie jetzt betreibt, und im nächsten Jahr schon wieder ein Landwirt Feldfrüchte über den Grundmauern von „Tsellis“ anbaut? Wie? Ob man mal auf Mais verzichten sollte? Das wäre nun wirklich eine verwegene Idee. Um auf die zu kommen, müsste man in der Politik erst einmal die Augen öffnen. Michael Ende