Versunkene Stadt Tsellis

Archologen ante portas

In Altencelle graben jetzt wieder Archologen. Sie suchen die versunkene Stadt "Tsellis".

  • Von Michael Ende
  • 23. Okt. 2020 | 16:00 Uhr
  • 10. Juni 2022
  • Von Michael Ende
  • 23. Okt. 2020 | 16:00 Uhr
  • 10. Juni 2022
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Celle.

"Da hinten. Da hinten wird es dann spannend", sagt Andreas Elga. Er kniet auf einem Mais-Stoppelacker am Apfelweg und zeigt hinber zur Altenceller Gertrudenkirche. Htte er das vor 800 Jahren getan, dann htte er dort eine Siedlung am Fluss erblickt, die im Schatten des Gotteshauses florierte: "Tsellis", die Vorgngerstadt des heutigen Celles, die vermutlich durch eine Brandkastastrophe um das Jahr 1292 unterging und im Dunkel der Geschichte versank. Nach etlichen Forschungsgrabungen in den vergangenen Jahren machen sich nun der Archologe Elga und sein Team von der Firma AAB daran, die Reste von Tsellis auszugraben. Schritt fr Schritt nhern sie sich ber uralte cker der mittelalterlichen Stadtwstung.

Graben auf der Trasse

Warum sie nicht einfach mitten im vermuteten Siedlungsareal mit dem Graben anfangen? Das liegt am Anlass der aktuellen Untersuchungen: Die Archologen untersuchen speziell den Bereich der Trasse der zuknftigen B3, deren Mittelabschnitt direkt neben der Gertrudenkirche den ehemaligen neuen Marktplatz ("Niemarkt") von Tsellis schneiden und dann ber die Aller fhren wird. Hier muss das Alte erforscht werden, weil etwas Neues entsteht.

Moderne Streifen im Boden

Noch sind die Archologen einige hundert Meter von Tsellis entfernt dabei, auf ausgewhlten Flchen den Oberboden abzutragen. Hier gehe es darum, die Standorte fr neue Hochspannungsmasten zu untersuchen, erlutert Elga. Da die neue B3 auf ihrem Weg Richtung Aller ber dem Gelndeniveau liegen wird, mssen die alten Masten durch hhere ersetzt werden. Przise arbeitet sich die Baggerschaufel voran. In etwa 40 Zentimetern Tiefe wird ein Streifenmuster sichtbar. "Das sieht auf den ersten Blick interessant aus, ist aber nichts Besonderes", wei der Archologe. Die Streifen seien Relikte eines modernen Tiefenpfluges: "Vielleicht auch von einem Spargelfeld."

Verstreute Scherben

Der Pflug hat wahrscheinlich vor einigen Jahrzehnten den Boden so durcheinandergewirbelt, dass auch Fundzusammenhnge verloren gegangen wren - wenn es sie denn gbe. Doch hier stoen die Archologe lediglich auf einzelne Scherben. "Einige davon drften auch mittelalterlich sein, aber besonders spannend ist das noch nicht", sagt Elga, als er die Ton- und Keramikbruchstcke betrachtet. Er wei: Frher landeten alle Abfalle eines Hofes auf dem Misthaufen nicht nur vergngliche Materialien, sondern auch kaputte Tpferwaren, Glas, manchmal auch Metall. Wenn der Mist dann auf dem Acker gestreut wurde, wurden mit ihm die Scherben verteilt.

"Da kommt noch mehr"

Elga blickt hinber zur Kirche. Dort drben, wo bereits Teile eines Straenzuges der mittelalterlichen Siedlung ausgegraben wurden, hofft er auf aussagekrftige Funde, die Nheres ber das Leben im alten Tsellis erzhlen. Bezirksarchologe Mario Pahlow hat in diesem Jahr schon im Bereich des "Niemarkts" mit Sondengngern Prospektionen unternommen: "Dabei haben wir tolle Funde gemacht: mittelalterliche Fibeln, Mnzen, Knpfe." Pahlow ist berzeugt: "Da kommt noch mehr."

Lepra-Friedhof entdeckt

Bevor er jetzt dem Leben in Tsellis auf die Spur kommt, hat sich Elga mit dem Sterben im Mittelalter befasst: "Bevor ich hierher kam, war ich als Grabungsleiter in Freiburg im Breisgau ttig, wo wir ber 250 Skelette eines mittelalterlichen Friedhofs fr Leprakranke entdeckt haben." Im Breisgau habe man zu Beginn der Grabung nicht geahnt, wie umfangreich die Funde sein wrden. Ob das auch in Tsellis so sein wird?

Was ist unten im Loch?

"Kommen sie mal rber und sehen sie sich das an!" Elga wird in die unmittelbare Nhe der Gertrudenkirche gerufen, wo Sondengnger des Kampfmittelrumdienstes, die bisher viele verlorene Hufeisen, Ngel, Bolzen und Beschlge landwirtschaftlicher Gerte geborgen haben, mit ihrem Metallsuchgert auf einer Pferdewiese etwas Besonderes entdeckt haben. Der Archologe sieht in die Grube, auf deren Grund etwas Schwarzes schimmert. "Das graben wir ganz in Ruhe aus", sagt er. Was es wohl sein mag? Auf Spekulationen lsst sich Elga nicht ein: "Das sehen wir, wenn wir es in Hnden halten. Auf berraschungen muss man in dem Job immer gefasst sein."