Archäologen freuen sich

Neue Kapitel für die Celler "Tsellis"-Saga

Darum wird es jetzt wieder spannend: Archäologen suchen weiter nach der versunkenen Stadt "Tsellis" in Altencelle.

  • Von Michael Ende
  • 20. Juni 2020 | 12:00 Uhr
  • 09. Juni 2022
  • Von Michael Ende
  • 20. Juni 2020 | 12:00 Uhr
  • 09. Juni 2022
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Altencelle.

Es war einmal, vor 1000 Jahren, dass sich dort, wo heute das Dorf Altencelle am Ufer der Aller liegt, eine Stadt befand. Die hieß "Tsellis". Dort gab es eine Burg, mehrere Kirchen, einen Hafen, mehrere Marktplätze und viele Häuser mit Menschen, die dort lebten – bis die meisten von ihnen nach einer Feuersbrunst Hals über Kopf den Ort verließen um sich im Jahr 1292 ein Stück flussabwärts in einer neuen Stadt, dem heutigen Celle, anzusiedeln. Zurück blieb ein Dorf auf den Ruinen der versunken Stadt. Diese Tsellis-Saga, deren umfassende Erforschung Archäologen vor einigen Jahren begonnen haben, wird nun weiter geschrieben. Im Zuge des Baus der B3-Ostumgehung wird die neue Schnellstraße das Areal der Stadtwüstung durchschneiden. Bevor das passiert, wollen Archäologen dort jetzt noch mehr von Tsellis ausgraben.

Wie lebten Willekin, Winand und Floreko?

Es geht um die Menschen, die Tsellis bewohnten. Wie lebten Sie? Von einigen kennt man die Namen aus alten Urkunden. Sie hießen Anno von Heimburg, Bertoldus Flutemann, Willekin, Winand oder Floreko. Diese Menschen aus dem 13. Jahrhundert sind längst zu Staub zerfallen – ihre alltäglichen Hinterlassenschaften jedoch nicht komplett.

Wer diese Relikte findet und richtig zu deuten versteht, der kann Geheimnissen auf die Spur kommen – etwa der mittelalterlichen Verschwörungstheorie, der zufolge Herzog Otto der Strenge, seine alte Stadt abfackeln ließ, um seinen Bürgen einen kleinen Impuls in Sachen Umzugsbereitschaft zu verpassen. Oder haben der Bischof von Hildesheim und seine Ritter im Zuge einer Auseinandersetzung mit dem Herzog das alte Celle abgebrannt?

Sensationelle Funde

In einem Atemzug mit der Wikingersiedlung Haithabu bei Schleswig oder der wüst gefallenen mittelalterlichen Stadt Nienover nennt Archäologe Thomas Küntzel, unter dessen Leitung 2007 die archäologischen Arbeiten begannen, das alte Celle. Der Wüstungsspezialist aus Göttingen, der bereits die bekannte versunkene Stadt Nienover ausgegraben hat, war von Anfang an begeistert vom Ur-Altencelle, dessen Überreste sich in 30 Zentimetern Tiefe unter den Äckern an der Altenceller Gertrudenkirche verbergen. Vergoldete muschelförmige Schmuckanhänger, ein Trauring mit ineinander greifenden Händen, Glöckchen, Bronzereste - schon nach allerersten Begehungen bezeichneten Wissenschaftler die Befunde als „sensationell“. Sie gehen davon aus, dass die Stadt eine Gründung von Herzog Heinrich dem Löwen war.

Zurück in die Steinzeit

Die Wurzeln von Tsellis, das vordem auch "Kellu" geheißen hatte, lassen sich bis in die Römerzeit und noch viel länger zurück verfolgen. "Im Bereich des heutigen Altencelle drängen sich mehrere archäologisch bedeutende Fundstellen auf engstem Raum", weiß die Bamberger Mittelalter-Archäologin Cornelia Lohwasser, die von 2012 an drei Jahre lang in Altencelle gegraben hat. Dabei hatte sie „bei Adam und Eva“ angefangen, lacht Lohwasser.

Denn als sie die Wallanlage südwestlich des Ortsteils Burg untersuchte, die mit von Heinrich I. (876 bis 936) geplanten Burgen gegen Angriffe der Ungarn in Verbindung gebracht wird, landete sie in der Steinzeit: „Im Bereich des Burgwalls sind wir auf bearbeitete Steine gestoßen, die aus dem Harz stammen müssten.“ Ein anderer Bereich, den viele in Altencelle ebenfalls für eine „Burg“ hielten, barg eine Überraschung: Die „Nienburg“ in der Allerniederung erwies sich nicht etwa als karolingisches Kastell, sondern als Düne mit vorgeschichtlichen Siedlungsspuren aus der frühen Eisenzeit vor rund zweieinhalbtausend Jahren.

Ostumgehung wird nahe der Gertrudenkirche mitten über den Niemarkt von Tsellis gehen

Lohwasser ist gespannt auf die neuen Grabungen im Zuge der B3 : "Die Straße wird nahe der Gertrudenkirche mitten über den Niemarkt von Tsellis gehen, wo noch allerhand Eingemachtes auf Halde liegen könnte. Es wird dann sicher so vor sich gehen, dass ein Bagger erst mal den Humus wegnimmt und hinter ihm gleich ein Archäologe hergeht und sich alles genau ansieht. Wenn dann Befunde kommen – und im Bereich des Niemarkts kommen sie bestimmt – sind vermutlich zwei Siedlungsphasen festzustellen, so war es jedenfalls 2014 in unserem schönen Grabungsschnitt. Diese müssen dann ausgegraben werden. Das dauert."

Spannung vor dem Spatenstich

Lohwasser wäre am liebsten selbst mit dabei, wenn jetzt in Tsellis wieder Spaten, Spachtel, Kelle und Pinsel gezückt werden: "Wenn mein großes Bamberger-Dom-Projekt nicht klappen sollte, das ich vor kurzem beantragt habe, werde ich bei der Altenceller Grabung anheuern."

Dann würde die Tsellis-Expertin mit dem Bezirksarchäologen Mario Pahlow vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege zusammenarbeiten. Der ist schon extrem gespannt auf das, was die versunkene Stadt zu bieten hat. Erste Funde hat er schon gemacht. "Es scheint genau so zu sein, wie Frau Lohwasser es vorhergesagt hat", meint er: "Wir haben im Bereich des Niemarkts mit Sondengängern Prospektionen unternommen und dabei tolle Funde gemacht: mittelalterliche Fibeln, Münzen, Knöpfe. " Er könne es kaum abwarten, in Tsellis richtig loszulegen, so Pahlow.

Maulwürfe werden längst fündig

Wann es soweit ist, weiß man im Landesverkehrsministerium, das den Bau der Ostumgehung koordiniert. "Voraussichtlich ab August 2020 erfolgt im Bereich der Gertrudenkirche eine archäologische Prospektion von mehreren Wochen", so Ministeriums-Sprecher Eike Frenzel. Dann können die Forscher endlich wieder graben. Dass sie fündig werden, ist gewiss.

Denn andere, die dort schon länger buddeln, fördern täglich Altertümer an die Oberfläche: Maulwurfshaufen im Bereich des Niemarkts sind wie gespickt mit Ton- und Ziegelscherben – mit Relikten der Tsellis-Saga.