"Tsellis"-Archäologie

Bronzezeit-Dorf bei Altencelle entdeckt

Für Archäologen ist diese Entdeckung Gold wert: Bronze im Altenceller Boden.

  • Von Michael Ende
  • 12. Dez. 2020 | 15:17 Uhr
  • 09. Juni 2022
  • Von Michael Ende
  • 12. Dez. 2020 | 15:17 Uhr
  • 09. Juni 2022
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Altencelle.

Dass schon in der Bronzezeit (1800-900 v. Chr.) Menschen im Gebiet des heutigen Altencelle gelebt haben müssen, war schon länger klar – schließlich kannte man die Hügelgräber etwa am Föscherberg, in denen manche von ihnen bestattet worden waren. Doch wo wohnten diese Menschen? Bis auf vereinzelte Scherbenfunde waren bisher keine Siedlungsspuren zu finden. Doch das hat sich jetzt geändert. Archäologen, die die Trasse der zukünftigen B3-Ostumgehung untersuchen , haben Überreste von Häusern, Feuerstellen und Vorratsgruben entdeckt, die mindestens 3000 Jahre alt sein dürften. Ein Weiler aus der Bronzezeit – eine kleine Sensation vor den Toren der im Mittelalter versunkenen Stadt "Tsellis".

Uralter Fingerabdruck

Nachdenklich betrachtet Mario Pahlow, Bezirksarchäologe des Niedersächsischen Landesamts für Denkmalpflege eine Tonscherbe, die das Grabungsteam um den Archäologen Andreas Elgaß aus dem Boden unter dem Maisacker rund 500 Meter östlich der Altenceller Gertrudenkirche zutage gefördert hat. "Hier ist ganz deutlich ein Fingerabdruck des Menschen zu erkennen, der dieses Gefäß getöpfert hat, sagt Pahlow. Auch wenn er Wissenschaftler ist, der darauf bedacht sein muss, Dinge ganz sachlich zu sehen – wenn er wie hier indirekt Kontakt mit einem Menschen aufnimmt, der gelebt hat, als in Ägypten Pyramiden gebaut wurden, als in Mesopotamien Stadtstaaten florierten und homerische Helden um Troja kämpften, dann berührt ihn das schon. Zeitreisen. "Das ist das Faszinierende an dem Beruf", sagt er. Und denkt an den Menschen, der hier am Ufer der Aller so ganz anders gelebt hat als seine Zeitgenossen in den ersten Hochkulturen an Nil, Euphrat und Tigris.

Spuren im Boden

Während die monumentalen Bauten der Pharaonen noch stehen, ist Troja versunken – ganz ähnlich verhält es sich mit den Häusern der Ur-Altenceller. Von ihnen sieht man nur noch Pfostenlöcher, die sich als dunkle Flecken auf dem hellen Boden abzeichnen, den der Bagger Schicht für Schicht frei legt. In knapp einem Meter Tiefe sind die Archäologen in der Bronzezeit angelangt. Im Schnitt zeichnet sich dunkelbraun deutlich die Lage einer ehemaligen Vorratsgrube ab. "Hier haben sie erst jahrelang immer wieder Getreide gelagert, und als der Erdspeicher verfiel, hat man ihn als Müllkippe benutzt", sagt Pahlow.

Radiokarbon-Datierung wäre hilfreich

Schwarze Verfärbungen deuten auf verkohltes Holz von Feuerstellen hin, an denen gelegentlich auch Keramikscherben zu finden sind. "Wenn wir die Mittel hätten, könnten wir das Holz mit der Radiokarbon-Methode ganz exakt datieren", sagt Elgaß. Aber bei einer Routinegrabung wie dieser im Vorfeld eines Straßenbaus ist das nicht vorgesehen. Rund 300 Euro würde so eine Untersuchung am Rande des Zig-Millionen-Projekts kosten. Pahlow weiß auch so, in welcher Zeit sich die Archäologen hier bewegen: "Ich würde sagen, in der späten Bronzezeit, so um 1000 vor Christus."

Das Grabungsteam hat mit der Metallsuchsonde fingernagelgroße Bronzefragmente entdeckt. Wozu sie einmal gehörten? "Das ist angesichts des schlechten Erhaltungszustandes schwer zu sagen", meint Pahlow und betrachtet die bronzenen Funde von allen Seiten. Für die grobe zeitliche Einordnung des Platzes taugen sie allemal.

Bronzefunde sonst meist in Gräbern

Bronzezeitliche Häuser und Siedlungen waren der norddeutschen Archäologie über viele Jahrzehnte komplett entgangen. Erst in den letzten drei Jahrzehnten wurden vermehrt Siedlungsplätze mit Hausbefunden entdeckt. In den meisten Fällen handelt es sich um Einzelhöfe oder um Gruppen weniger Höfe und einem unauffälligen Fundmaterial, das nur die wichtigsten Dinge des Alltags umfasst und meistens aus Keramik, Stein und Knochen besteht. Wertvolle Bronzen finden sich als Beigaben vor allem in den Gräbern. Die Siedlungen liegen in direkter Nachbarschaft zu den Gräberfeldern, was zeigt, dass die Gemeinschaften der Toten und der Lebenden in einem engen Kontakt gestanden haben.

Täglich neue Puzzlestücke

Woher kam die Bronze? Die Menschen müssten auch hier an der Aller Teil eines weit verzweigten Handelsnetzes gewesen sein, sagt Pahlow: "Die Bronze wurde aus Südosteuropa, dem Alpenraum oder Britannien importiert." Und womit wurde sie bezahlt? Wie lebten die Menschen hier vor 3000 Jahren? "Dieses Bild ist längst noch nicht zusammengesetzt", sagt der Archäologe, der sich über die Celler Funde freut: Jeden Tag kommen neue Puzzlestücke hinzu.